Abends an der Tankstelle – Desperation in der Kassenschlange (Erlebnisbericht)

Abends an der Tankstelle
Desperation in der Kassenschlange

Martin Philips

In der Kassenschlange einer Tankstelle geht es nur schleppend voran – sehr zum Leidwesen einer hübschen Brünetten, die verzweifelt gegen ihre dringende Pinkelnot ankämpft: Desperation pur. Aber wie so oft ist des einen Leid des anderen Freud …

Story

Abends an der Tankstelle
Desperation in der Kassenschlange

Martin Philips

 

Bis nach Hause reicht das aber nicht, schlussfolgerte ich, als sich der Zeiger der Tankuhr beim Starten des Motors nur schwerfällig einen knappen Millimeter bewegen wollte. Um einen Zwischenstopp an der nächsten Tankstelle sollte ich offensichtlich nicht herumkommen.

 

Es war früh abends kurz nach 17 Uhr, weswegen nicht nur auf den Straßen, sondern auch an den Zapfsäulen enorm viel Betrieb herrschte. Glücklicherweise fand ich dennoch zügig eine Freie.

Das Bezahlen erforderte dann allerdings doch etwas mehr Durchhaltevermögen, da nur eine Kasse besetzt war und sich eine lange Schlange davor gebildet hatte. Es ging nur äußerst langsam voran. Vor mir stand ein Brummi-Fahrer, der sich nur nach dem Weg zu einer Firma erkundigen wollte. Von Ungeduld getrieben fragte er schließlich mich, ob ich ihm weiterhelfen könne, weil es hier seiner Ansicht nach noch ewig dauern würde. Genervt hielt er mir so etwas ähnliches wie einen Stadtplan vor die Nase. Mich wunderte es nicht, dass er damit das Ziel seiner Tour noch nicht erreicht hatte. Es schien, als sei der Plan kopiert, gefaxt, wieder kopiert, zwischendurch mehrmals bekritzelt und mit öligen Fingern angefasst worden, um nach einer Folge weiterer kopierter Kopien in den Händen dieses verzweifelten Truckers zu landen. Glücklicherweise kannte ich mich in der Gegend gut genug aus, um ihm den Weg erklären und die nicht mehr lesbaren Straßennamen nennen zu können. Indem er diese mit einem Kuli überschrieb, gelangte er nun ebenfalls mit in die Schöpfungskette dieses abstrakten Kunstwerks, das vermutlich erst eines fernen Tages in Form von weiteren kopierten Kopien seine Vollendung finden würde.

 

Nachdem er sich bei mir bedankt und sich wieder auf den Weg zu seinem riesigen Sattelzug gemacht hatte, fiel mir eine Frau auf, die sich nun direkt vor mir in der Warteschlange befand. Sie war etwa Mitte dreißig, ca. 1,75 Meter groß, hatte dunkelbraune, schulterlange Haare, trug eine blaue Jeans und eine schwarze Jacke, die halb über ihren knackigen Po reichte. Ihr attraktives Äußeres war aber nicht allein der Grund dafür, weshalb sie mir besonders auffiel: Nervös wechselte sie ihren Stand immerzu von einem Bein auf das andere, kreuzte diese auch hin und wieder. Eine Hand hatte sie tief in der Jackentasche und schien sich damit möglichst unauffällig gegen ihren Schritt zu pressen; immer als letzte Rettung in den Momenten, in denen eine Welle des Drucks ihren Schließmuskel zum Aufgeben zwingen wollte. Trotz dieser dringlichen Lage war sie scheinbar zu schüchtern, um mal eben an den jetzt nur noch drei vor ihr befindlichen Leuten vorbei zu gehen und darum zu bitten, die Toilette benutzen zu dürfen. Aber mir sollte es recht sein. Denn der Anblick dieser hübschen und dazu noch dringend müssenden Brünetten entbehrte nicht einer gewissen Erotik.

 

Genau in dem Moment, als die Tür des Tank-Shops wieder einmal geöffnet wurde, dröhnte von draußen in einer unglaublichen Lautstärke ein Hupgeräusch herein, wie man es eigentlich nur von einem Hochseedampfer kennt. Die Frau vor mir zuckte vor Schreck zusammen, ging leicht in die Knie und stand mehrere Sekunden lang völlig regungslos nach vorn gekrümmt da. Dann wurde sie ganz hektisch und presste beide Hände reflexartig gegen ihren Schritt. Verärgert grummelte sie leise einige Worte, denen aber nur „Idiot“ zu entnehmen war. Damit meinte sie sicher den LKW-Fahrer, dem ich vorhin den Weg beschrieben hatte. Wie ich durch das Fenster sehen konnte, wollte er wohl mit seinem Nebelhorn den Besitzer eines geparkten Wagens darauf aufmerksam machen, dass er ihm den Weg blockierte.

 

Die blonde Frau, die soeben gemeinsam mit den enormen Schallwellen zur Tür herein gekommen war, schob sich an mir vorbei und legte die Hand auf die Schulter ihrer desperaten Freundin.

„Marion, frag’ doch eben. Du willst doch wohl nicht warten, bis du dran bist.“

„Ach, geht schon noch“, antwortete sie mit gespielter Coolness und begann wieder von einem Bein auf das andere zu wechseln. Allerdings hatte sie jetzt beide Hände in den Jackentaschen und versuchte, damit den Bereich ihrer Jeans zwischen den Beinen zu verdecken. Ich war mir sicher, dass diese Stelle nun nicht mehr trocken war.

 

Nachdem der Mann vor ihr endlich an der Reihe war und seine 43 Liter Super bezahlt hatte, ließ er sich von der Kassiererin noch erklären, wie die neue Aktion mit den Prämienpunkten fürs Tanken funktioniert. Die beiden Frauen tuschelten genervt irgendetwas Unverständliches. Ich jedoch grinste innerlich und hoffte insgeheim auf ein langes Beratungsgespräch. Auch wenn es nur eine weitere, halbe Minute Verzögerung brachte, musste es der in höchster Pinkelnot befindlichen Marion wie eine Ewigkeit vorgekommen sein.

„Kann ich hier mal bitte die Toilette benutzen?“, fragte sie verlegen, als sie schließlich an der Reihe war.

„Ja, sicher. Gehen sie einfach außen herum zur roten Stahltür“, sagte die Angestellte freundlich, während sie den Toilettenschlüssel über den Tresen zu der zappelnden Frau reichte. Als diese die rechte Hand aus der Tasche zog, um ihn entgegenzunehmen, wurde die Sicht endlich frei. Zwar nicht direkt für mich oder die Kassiererin, sondern für die Überwachungskamera, die oberhalb der Kasse jeden Kunden anvisierte. Auf dem Monitor im Zigarettenregal konnte ich in jenem kurzen Moment einen dunklen Fleck im Schritt ihrer Jeans entdecken. Auch wenn es nur in Schwarz/Weiß zu sehen war, lieferte die Videoüberwachung dafür aber gestochen scharfe Bilder. Die eingepinkelte Stelle war größer als gedacht, etwa so wie eine Untertasse. Darüber hinaus hatte sich die Nässe einige Zentimeter weit über die Innenseite der Schenkel ausgebreitet. Da musste nicht viel gefehlt haben, und es wäre ihr an den Hosenbeinen komplett hinuntergelaufen.

 

Während ich meine Kreditkarte aus dem Portemonnaie fummelte, machte Marion sich mit dem Schlüssel eilig auf den Weg zur Toilette und verdeckte dabei wieder mit der Jacke die Sicht auf den nassen Bereich ihrer Jeans. Jedoch als sie draußen am Fenster vorbeihastete, kümmerte sie sich nicht mehr so sehr um die Tarnung, wodurch ich mir das Geschehen nochmals live und in Farbe ansehen konnte. Wegen der Reflexionen in der Glasscheibe war es zwar leider nur recht kurz zu sehen, doch es war deutlich zu erkennen, dass sie sich in die Hose gepinkelt hatte.

 

Derweil ratterte der Drucker, ich unterschrieb den Zahlungsbeleg und ging langsam zu meinem Auto zurück. Ich war auf ihr Verhalten gespannt, wenn sie von der Toilette zurückkommen und den Schlüssel wieder abgeben würde. Natürlich hoffte ich auch darauf, eine weitere Gelegenheit für ihren aufreizenden Anblick in der nassen Jeans zu bekommen. Um etwas Zeit zu schinden, drehte ich an dem Benzinverbrauchs-Rechner auf der Rückseite der Parkscheibe herum. Da sich aber nichts Neues ereignete und ich durch fortwährendes Blockieren der Zapfsäule nicht den Unmut der nachfolgenden Autofahrer auf mich ziehen wollte, fuhr ich bis zu den Staubsaugerplätzen vor. Der Toiletteneingang war von dort sogar noch besser einsehbar.

 

Mittlerweile stieg auch die blonde Freundin wieder in ihr Auto ein und parkte es zu meiner Enttäuschung sehr nah vor der Toilettentür. Es schien fast so, als hätte sie für diese Situation schon eine gewisse Routine entwickelt. Ich stellte mir vor, wie ihre Beifahrerin zappelnd neben ihr gesessen haben musste. Nach einigen Minuten kam Marion durch die Tür, schloss sie ab und verschwand so eilig in dem bereitgestellten Wagen, dass ich ihre nasse Hose nicht erkennen konnte. Natürlich, da hätte ich eigentlich auch drauf kommen können, dass sie ihre Freundin losschickt, um den Schlüssel zurückzubringen.

 

Ich machte mich auf den Weg zur Autobahn. Während der Fahrt rekonstruierte ich immer wieder, wie es sich für Marion wohl angefühlt haben musste, als sie wegen des Schrecks die Kontrolle verlor und es ihr heiß ins Höschen zischte, nichtahnend, wie erregend die Situation von mir empfunden wurde. Mein Kopfkino verselbständigte sich. Ob sie es ohne einen weiteren Unfall geschafft hatte? Ebenso das Gefühl der Erleichterung, endlich auf der rettenden Toilette sitzend, dem immensen Druck nachzugeben und es langanhaltend laufen lassen zu können, konnte ich lebhaft nachvollziehen.

Im Geiste dankte ich dem Trucker, der, wenn auch unbewusst und bestimmt mittlerweile am Ziel angekommen, meine Hilfe mit dem Auslösen dieses kleinen, nassen Erlebnisses honoriert hatte.

 

Weitere Informationen

Weitere Informationen über „Abends an der Tankstelle“

Erscheinungsdatum 21.04.2016
Autor Martin Philips
Verlag Edition Aurum
Lizenz Creative Commons Lizenzvertrag
Verfügbar als Webseite (online)