Bahngedanken (Kurzgeschichte)

Bahngedanken

Magenta König

Kurzgeschichte, erschienen am 27.10.2003

Nach langer Zeit fuhr ich zur Abwechslung mal wieder mit dem Zug. Eigentlich bin ich lieber unabhängig und mit dem Auto unterwegs, doch an diesem Freitag musste es überraschend in die Werkstatt und ich wollte die schon lange geplante Verabredung mit einem Freund aus diesem Grund nicht absagen. Wir wohnen ca. 150 Kilometer voneinander entfernt, so dass ein Treffen immer ein größeres Vorhaben ist.

 

Wir hatten, wie immer, einen schönen Tag miteinander verbracht und nun saß ich in der letzten Bahn nach Hause. Das Abteil war beleuchtet, dafür war die Welt hinter dem Fenster, von ein paar Lichtern hier und da abgesehen, in vollkommene Dunkelheit getaucht.

Zum Lesen hatte ich keine Lust mehr, ich war an einer recht langweiligen Stelle im Buch angekommen, also beobachtete ich die Mitreisenden. Zudem fehlte mir mittlerweile die Konzentration für den Schmöker, da der Drang, allmählich eine Toilette aufsuchen zu müssen, fühlbar zunahm. Meine Abneigung gegen öffentliche WCs und die Vermeidung dieser führt oft dazu, dass ich den Gang zum Klo extrem lange hinauszögere. So auch an diesem Abend.

Vor meiner Heimfahrt waren wir zusammen beim Chinesen zum Essen. Dort hatte ich wegen der scharfen Suppe und der überaus würzigen Marinade des Fleisches mehr als üblich getrunken. Obwohl mir die noch anstehende Zugfahrt durchgehend präsent gewesen war, hatte ich diesen enormen Durst verspürt, der gestillt werden wollte. Zwar bin ich, bedingt durch das Meiden vielbesuchter Sanitäranlagen, in gutem Training, was das Zurückhalten angeht und ich verschätze mich recht selten, heute allerdings … na ja, es würde die letzte Stunde schon irgendwie gehen.

 

Außer mir waren kaum Leute in dem Großraumabteil. Irgendwo raschelte ein junges Mädchen in ihrem Rucksack herum, ein älterer Herr las hingebungsvoll Zeitung und zwei schlecht Blondierte tratschten über eine dritte, anzunehmenderweise auch miserabel frisierte Dame, die mal wieder ein wahrhaft unmögliches Kleid anhatte. Wo die wohl herkamen?!

Der einzig interessante Mitreisende saß mir auf einem Vierersitz schräg gegenüber. Ich schätzte sein Alter auf Anfang 40; eher ziemlich bieder, so der gediegene Typ. Der managt wohl irgendwas, dachte ich bei mir. Anthrazitfarbener Anzug, passende Krawatte im dezenten Blauton. Die dunklen Haare etwas angegraut aber vollständig vorhanden, schlanke Figur … irgendwie doch sexy. Bei einem Typ Mann wie diesem sehe ich mich sogar in der Lage, eine zu groß geratene Nase attraktiv zu finden. So wie sie auch der Optik des Schauspielers Richard Gere keinen Abbruch tut.

Mein Gegenübersitzender hatte hübsche Hände. Das ist eine Macke von mir – ich schaue mir gern die Hände anderer Menschen an. Seine allerdings waren ausgesprochen unruhig. Er sah zu mir herüber, ich lächelte ihn an. Er erwiderte es, man(n) will ja nicht unhöflich sein …

 

Der Manager, wie ich ihn in Gedanken nannte, machte einen relativ unentspannten Eindruck, wie er da so saß. Sein Aktenkoffer stand aufgeklappt neben ihm, doch die Arbeit lockte ihn wohl nicht, da er abwechselnd im Abteil umherblickte und dann wieder abwesend in die Ferne schaute. Die Überlegung drängte sich mir auf, dass er eventuell zur Toilette müsste. Diese Eingebung lag nahe, vor allem im Hinblick auf meinen eigenen Zustand. Interessanter Gedanke: wir beide, gemeinsames Müssen. Auch, wenn er davon natürlich nichts wusste. Ich betrachtete ihn genauer. Er saß angespannt auf dem Sitz, die Hände bewegten sich fahrig. Er verknotete sie miteinander, lockerte sie ganz bewusst, nur damit sie sofort wieder zueinanderfanden. Ich sah, wie er einmal tief einatmete.

 

Bei mir meldete sich die Blase ebenfalls immer deutlicher. Zuweilen kann ich dieses Gefühl genießen, hier im Zug hoffte ich jedoch, dass es nicht schlimmer werden würde. Wenn es blieb, wie es war, würde ich es einigermaßen aushalten können.

Ich hatte die Beine übereinandergeschlagen und wippte mit dem Fuß. Die leichte Bewegung war ein Teil meiner Einhaltestrategie. Der Geschäftsmann schlug die Beine in gleicher Weise übereinander. Obendrein beugte er sich wie beiläufig nach vorn, was ich ihm gleichtat. Zudem lächelte ich ihn wieder an. Je länger ich ihn ansah, desto stärker wurde mir klar: Mann, der sah wirklich gut aus. Und er war so ganz anders drauf – ich befürchtete, nicht unbedingt der Typ Frau zu sein, auf den er stand. Da hätte ich hier wohl besser im Kostümchen sitzen müssen. Meine Lederhose war sicher nichts für den vornehmen Businessmann. Andererseits würde man bei meiner Kleidung nicht so schnell einen Fleck bemerken, wie in seiner Anzugshose. Bei dieser Überlegung verzog sich mein Lächeln zu einem Grinsen. War ja eh egal, ich gedachte nicht, mir hier die Hose zu versauen. Dennoch – wie souverän mein „Richard Gere“ wohl noch wäre, wenn er den Druck nicht mehr aushielte?

 

Er quittierte mein aufdringliches Angrinsen mit einem freundlichen Gesichtsausdruck und wandte den Blick aus dem Fenster. In der spiegelnden Scheibe sah ich aber, wie seine Züge sich sogleich verzerrten. Er schien wirklich außerordentlich dringend zu müssen, was er jedoch vor mir zu verbergen versuchte. Seine Gedanken schienen einzig um seine übervolle Blase zu kreisen; inzwischen ruckte er auf dem Sitzpolster hin und her, wohl in dem Bemühen, sich eine angenehmere Position zu schaffen. Er knetete seine Hände und auch bei mir wurde es immer schlimmer. Meine Güte, so viel hatte ich doch gar nicht getrunken?!

 

Ich schaute auf die Uhr. Noch zwanzig Minuten, dann war ich da. Nicht lange, aber in meinem derzeitigen Zustand pokerte ich um jede Sekunde. Das Warten nervte mich ungeheuer. Und vom Bahnhof würde es noch mindestens zehn Minuten mit dem Fahrrad bis zu meiner Wohnung dauern. Das dürfte ja heiter werden …

Ich packte das Buch in meine Tasche, lesen konnte und wollte ich ohnehin nicht mehr. Innerlich war ich total angespannt; die Schenkel hielt ich fest aneinandergepresst. Die Nervosität war von den Füßen auf meine Hände übergegangen. Ich konnte nicht anders, als ebenso hektisch wie mein Gegenüber mit ihnen zu spielen.

Auch der Manager rutschte immer kribbeliger auf dem Sitz herum. Einerseits fand ich das sehr anregend, andererseits übertrug sich seine Verzweiflung und Unruhe auch auf mich, was ich so gar nicht brauchen konnte. Ich war allein schon hibbelig genug.

Jetzt sah er mich wieder an. So, wie ich hier vor ihm saß, müsste er eigentlich kapieren, was mit mir los war und dass es mir nicht besser erging als ihm. Aha, ein wissendes Grinsen umspielte seine Lippen – ihm schien trotz eingeschränkter Konzentrationsfähigkeit endlich ein Licht aufzugehen. Soso, wenn es um eine prallvolle Blase geht, verbrüdern sich auch Geschäftsmänner mit Lederhosen- und Rucksackträgerinnen.

 

Ich hielt den Atem an, als eine neue Welle in mir aufstieg. Schluss, aus, nun könnten wir endlich mal da sein, lange würde ich nicht mehr durchhalten können. Ich schloss die Augen und als ich sie wieder öffnete, erblickte ich ihn schräg vor mir, die Lippen aufeinandergepresst und sehr weit nach vorn gelehnt. Seine Hände steckten zwischen den Beinen, wo genau, entzog sich meinem Sichtfeld. Sexy – wenn ich denn in meinem Kopf noch Kapazitäten für irgendetwas anderes als meine aktuelle Not frei hätte.

In meinem Hirn spulte sich ein Film mit sämtlichen Getränken des Tages ab, von denen ich jedes einzelne bereute. Schnell versuchte ich, mich dazu zu zwingen an etwas anderes zu denken, doch vergeblich. Fehlten nur die Urlaubsfotos von den Niagarafällen, dachte ich mit einem Anflug von Galgenhumor.

 

Er hob den Kopf und schaute mir unmittelbar in die Augen.

„Ein Himmelreich für ein Klo, hm?“, hörte ich ihn mit tiefer Stimme sagen, die trotz seiner prekären Lage einfach umwerfend klang. Sie zitterte hörbar von seiner Anstrengung, gegen den gewaltigen Druck der Blase anzukämpfen. Ich nickte zustimmend.

„Oh ja, das wär das Größte. Wann sind wir denn nur da?“ Den letzten Satz stieß ich verzweifelt hervor. Und mehr launige Konversation fiel mir in meinem Zustand nicht ein. Schade, nachher würde ich es unter Garantie bereuen.

 

Als der Zug in den heimischen Bahnhof einfuhr, lockerte ich meine ineinander verschlungenen und verkrampften Beine, um aufstehen zu können. Ich griff mir den Rucksack und beeilte mich, endlich aus dem Zug zu kommen.

Mein Gegenüber war entschieden schneller. Er hastete samt Koffer den Gang entlang zur Ausgangstür und war, als ich an der offen stehenden Zugtür ankam, bereits im Eilschritt unterwegs in Richtung Toilette. Zuvor hatte er mich mit einem letzten, freundlich-verzweifelten Blick bedacht und mir ein kurzes Tschüss zugerufen.

Tja, da hetzte er nun über den Bahnsteig, meine nette Reisebegleitung. Ob er es noch rechtzeitig schaffen würde?

Mich jedenfalls beflügelte die Aussicht, bald daheim zu sein. Selbst in meiner wirklich desperaten Situation waren die Toiletten hier keine annehmbare Alternative. Nun allerdings war ich nicht mehr der Bahn ausgeliefert, sondern hatte es allein in der Hand, schnell nach Hause und damit zum rettenden Klo zu kommen. Nur noch der Wunsch, endlich pinkeln zu dürfen, hatte in meinem Denken Platz.

 

Ein Wunder, dass ich das kleine Fahrradschloss überhaupt aufgefummelt bekam. Das anschließende Treten in die Pedalen tat gut und ich überstand sogar noch das Wohnungsschloss, ohne dass mir der Schlüssel aus den nervösen Fingern fiel.

Im Bad aber riss ich mir schleunigst die enge Lederhose herunter, der Slip war mir egal. Oh Waaahnsinn … wie war das Laufenlassen herrlich! Selbst, als der Strahl schon längst versiegt war und ich mit klatschnassem Slip auf meiner eigenen, sauberen Toilette saß, mochte ich noch nicht aufstehen. Diese Erleichterung war einfach zu gut. Fast wie ein Orgasmus, dachte ich mit einem Grinsen, bevor ich mich dann letztlich doch aufrappelte. Ob ER es ganz genauso empfunden hatte?

 

Später im Bett stellte ich mir den Manager noch einmal genau vor, sein ansprechendes Äußeres, die Bewegungen seiner hübschen Hände, seine Mimik … Ärgerlich, dass ich so abgelenkt gewesen war. Sollte mir wider Erwarten so eine Begegnung erneut geschehen, beschloss ich, würde ich es vorziehen, mir die Hose nasszumachen und stattdessen lieber versuchen, seine Telefonnummer zu bekommen …

VG Wort