Feuchtes Erwachen – Die verfluchte Inkontinenz (Kurzgeschichte)

Feuchtes Erwachen
Die verfluchte Inkontinenz

Von Rebecca Valentin

Kurzgeschichte, erschienen am 19.11.2020

Lieber Gott, mach, dass das nicht wahr ist. Das darf nicht passiert sein, nicht in dieser Nacht … Bei ihrem gedanklichen Stoßgebet schossen Kathrin die Tränen in die Augen. Kann das nicht einfach nur ein schlimmer Traum sein, wünschte sie sich inständig, doch bedauerlicherweise wurde ihr die Bitte, die sie so verzweifelt gen Himmel richtete, nicht gewährt. Auch wenn es ihr schwerfiel, sie musste begreifen, dass dies leider kein Alptraum war, sondern sie sich in der Realität befand. Zwar in einer momentan sehr schrecklichen, aber dennoch grundsätzlich schönen Wirklichkeit, in der sie vor drei Monaten diesen liebenswerten und überaus attraktiven Musiker kennengelernt hatte, in dessen Bett sie vor zwei Minuten aufgewacht war. Wenn nur die verfluchte Inkontinenz nicht wäre, die sie von der Schwangerschaft und der Geburt ihrer Tochter zurückbehalten hatte und die nun wieder alles kaputt zu machen drohte …

 

Nach dieser wunderbaren Übernachtung hätte ich heute frisch verliebt und glücklich aufwachen sollen, doch was tue ich stattdessen? Ich stehe hier und schäme mich in Grund und Boden, erfasste sie traurig ihre Situation, als sie sich mit dem Handrücken über die tränennassen Augen wischte und peinlich berührt auf den großen, feuchten Fleck hinunterblickte, den sie auf dem Laken verursacht hatte. Dass zudem ihr Slip komplett durchnässt war, inklusive der Schutzeinlage, die rein gar nichts bewirkt hatte, ließ Kathrins Stimmung endgültig in den Keller sinken. Und dabei hatte ich doch gestern extra schon ab dem Nachmittag nichts mehr getrunken und war mindestens drei Mal auf dem Klo, bevor wir schlafen gegangen sind … Was soll ich denn noch tun, um so ein katastrophales, feuchtes Erwachen zu verhindern? Enttäuscht und hilflos schlang sie sich den weißen Bettdeckenbezug um den Körper, der ihnen in dieser warmen Sommernacht zum Zudecken ausgereicht hatte.

 

Bereits von der Tür aus war ihr der betrübte Gesichtsausdruck deutlich anzusehen, wie Max feststellte, als er mit zwei dampfenden Kaffeebechern in den Händen das sonnenhelle Schlafzimmer betrat.

»Hey, alles okay?«, erkundigte er sich mitfühlend und mit warmer Stimme. Eine weinende Frau vorzufinden, war der Gitarrist nach einem lustvoll verbrachten Abend zu zweit nicht gewohnt. Irritiert stellte er die randvoll gefüllten Becher zwischen Zeitschriften und diversem Musikequipment auf dem Boden ab und trat zu seiner Freundin heran.

»Sorry … es … es ist mir so … so verdammt unangenehm«, brachte diese lediglich stockend hervor und stieg unter dem sichtschutzbietenden Bettbezug aus ihrem tropfnassen Höschen mit der durchweichten Einlage heraus. Mit dem nächsten Handgriff verstaute sie den roten Slip in der kleinen, mitgebrachten Reisetasche neben dem Bett – dort hinein, von wo sie ihn mitsamt dem Nässeschutz in der vorangegangenen Nacht still und heimlich, nachdem Max eingeschlafen war, hervorgeholt und sich vergeblich präpariert hatte.

 

Niedergeschlagen wandte Kathrin sich nun dem Durcheinander ihres Klamottenhaufens zu. Da es ihr schon nicht möglich war, sich auf der Stelle in Luft aufzulösen, wollte sie sich rasch den BH, das Shirt und die schwarze Lederhose anziehen und so schnell es ging von hier, dem Ort der unseligen Blamage, verschwinden. Jenes Ansinnen entsprach jedoch nicht der Vorstellung ihres gestandenen Partners vom Morgen einer zärtlichen Liebesnacht, so dass dieser sie mit beiden Händen an den Schultern festhielt.

»Was ist los, Katti?« Noch während er fragte, deutete sie bereits wortlos schniefend auf den unübersehbar nassen Fleck auf dem Bettlaken. Max schaute in die angegebene Richtung, sie hingegen fixierte mit den Augen einen Punkt an der Wand – vor Verlegenheit wagte sie nicht, dem Rockmusiker mit den langen, vom Schlafen zerwühlten Haaren ins Gesicht zu sehen.

 

Mann tröstet inkontinente Frau, nachdem sie ins Bett gepinkelt hat

Ohne viel Federlesens beugte sich der 36-Jährige zur Seite, zog mit einer entschlossenen Geste das weiße Laken von der Matratze herunter und ließ es achtlos auf den Boden fallen. Danach schloss er die alleinerziehende Mutter, deren Tochter das Wochenende bei ihren Großeltern verbrachte, fest in seine Arme.

Eng umschlungen standen sie da – Kathrin noch immer in den Deckenbezug gehüllt und er vollkommen unbekleidet. Sie spürten den Herzschlag des jeweils anderen und allmählich beruhigte die 30-Jährige sich. Max’ Wärme ging vollumfänglich auf sie über und streichelte gleichzeitig wohltuend ihre Seele. Ein Zustand, der sie unwillkürlich aufseufzen und sich von Trost und Wohlgefühl durchflutet, nah an ihren Freund heranschmiegen ließ. Die sanften Küsse, die der Musiker mit dem frechen Comic-Tattoo auf der Wade zahlreich in ihren Haaren verteilte, taten ihr Übriges, Kathrins Tränenfluss endgültig zum Versiegen zu bringen.

 

»Ist dir das passiert, wonach es aussieht?«, erkundigte Max sich leise murmelnd, woraufhin seiner Freundin nichts anderes übrig blieb, als zu nicken und ihm zu erzählen, was sie gern unerwähnt gelassen hätte.

»Ich weiß, dass das total unsexy für dich klingen muss, aber nach der Schwangerschaft und Mias Geburt habe ich irgendwie die Kontrolle verloren. Ich krieg das nicht mehr hin, zu merken, wann ich besser pinkeln gehen sollte, und wann nicht. Besonders nachts, wenn ich schlafe, ist das ein Problem …« Max hob ihr Gesicht in beide Hände und richtete einen fragenden Blick in ihre rotgeweinten Augen.

»Aber wenn du sonst bei mir gepennt hast, war das Bett doch hinterher immer trocken?«

»Da war es wohl einfach nur gut gegangen. Und speziell bei dir hab ich mir angewöhnt, ’ne Weile vorm Zubettgehen nichts mehr zu trinken und zur Sicherheit noch ein paarmal Pipi machen zu gehen.«

»Ja, stimmt … jetzt, wo du es sagst. Ein Bier oder ’n Glas Wein zum Einschlafen willst du wirklich nie. Und wieso machst du das besonders bei mir? Wie funktioniert das denn bei dir in den Nächten zuhause?«, erkundigte ihr Gesprächspartner sich ebenso einfühlend wie interessiert.

»In meiner eigenen Wohnung und überall, wo mich sonst niemand sieht, ziehe ich mir nachts ’ne Windel an.«

»Aha?«

»Mhm«, nickte Kathrin bestätigend und musterte betreten die dunkle Matte unter ihrer beider Paar Füße, »aber nicht so eine Pampers für Babys, so was gibt’s auch für Erwachsene.«

 

Nach diesen Worten hielt sie inne, fühlte die Hitze des Errötens auf ihren Wangen und prüfte Max’ Reaktion eingehend. Nicht nur einmal hatte sie in den Anfängen zurückliegender Romanzen die Erfahrung gemacht, dass auf ihre Offenbarung mit Intoleranz und herabwürdigenden Bemerkungen reagiert worden war. Doch zu Katrins Erleichterung schien der große Dunkelhaarige nicht im Geringsten angewidert oder auf andere Weise von ihrer Windelbeichte befremdet zu sein.

»Aber bei dir wollte ich auf keinen Fall so’n Teil tragen«, setzte sie innerlich aufatmend ihre bloßstellende und zugleich offenherzige Erklärung fort, »ich möchte nicht abturnend rüberkommen, schlimm genug, dass ich immer mit diesen dämlichen Einlagen kämpfen muss, die im Extremfall sowieso nichts nützen.«

»Mich abzuturnen schaffst du niemals, egal was du machst, mein heißer Engel.« Seine Fingerspitzen streichelten ihre Lippen. Zum ersten Mal traute sie sich, dem Mann ihres Herzens wieder ins Gesicht zu schauen.

»Bist du sauer auf mich?«, erkundigte sie sich kleinlaut.

»Nee, wieso?« Ein grinsendes Kopfschütteln war die Reaktion des unkonventionell denkenden Musikers.

»Na, weil du es bis jetzt noch nicht wusstest. Ich habe es dir die ganze Zeit verschwiegen und das mit dem Schutz immer klammheimlich gemacht, hinter deinem Rücken sozusagen …« Max schmunzelte weiterhin freundlich. In seinen Augen las Kathrin ungekünsteltes Mitgefühl und eine Spur von Neugier auf diese sehr spezifische und für ihn bis dato unbekannte Beigabe zu ihrer Beziehung.

»Quatsch, das kann ich sogar verstehen. Ich würd mit der Sache auch nicht gleich beim ersten Date rausplatzen und versuchen, das Ganze hinzukriegen, ohne dass die Freundin was davon spitzkriegt.«

 

Sanft aber bestimmt führte Max sie zur dunkelholzigen Kante des Bettgestells und ließ sich zusammen mit seiner frischen Liebe auf dem Rand der bloßen Matratze nieder. Er griff sich die zuvor beiseitegestellten, nun nicht mehr ganz so heiß dampfenden Becher, drückte Kathrin einen von ihnen in die Hand und nahm selbst einen großen Schluck aus dem zweiten Kaffeepott.

Es breitete sich eine Ruhe in dem Raum aus, die für die junge Frau nur schwer zu ertragen war. Was für ein peinliches und unangenehmes Schweigen, dachte sie und wollte soeben zu Sprechen ansetzen, nur um das Zimmer wieder mit Geräuschen zu füllen, als Max im gleichen Augenblick ebenfalls Luft holte und zu Reden begann:

»Du Katti, ich hab nachgedacht …« Mit einer Mischung aus Interesse und aufkommender Angst vor einer, nach seiner mutmachenden Reaktion zwar unwahrscheinlichen, aber dennoch zu erwartenden Ablehnung seinerseits, sah sie von dem starken Kaffee in ihrer Hand auf.

»Ja?« Sie hörte die eigene Verunsicherung am Klang ihrer Stimme deutlich heraus.

»Wir machen das zusammen. Ich will das mal ausprobieren. Klingt doch irgendwie praktisch, nicht aufstehen zu müssen, wenn nachts die Blase nervt.«

»Das ist es, und wie. Und das würdest du wirklich für mich tun?« Das Herz der jungen Mutter machte Luftsprünge – sie freute sich, in Max nicht nur einen verständnisvollen Partner gefunden zu haben, sondern obendrein einen Verbündeten, der sich ihr in Sachen Windeln anschloss und sie bedingungslos unterstützte.

»Nicht nur, ich mach’s auch für mich. Irgendwie für uns zusammen, damit du ab jetzt relaxter bei mir pennen und dich easy entspannen kannst. Davon haben wir doch beide was. Aber eine winzige Bedingung hätte ich da noch«, hörte sie den Musiker entgegen jeder Erwartung hinzufügen, »und zwar, dass du, wenn wir heute Abend gemütlich gepampert sind, zum ersten Mal vor dem Schlafen ein leckeres Bierchen mit mir trinkst.« In diese Forderung einzuwilligen, verstand sich für die strahlende junge Frau von selbst.

 

Das Anlegen der Windelhosen, die Kathrin gegen Abend aus ihrem Zuhause für Max und sich geholt hatte, gestaltete sich als gleichermaßen aufregend und innig. Der Gitarrist staunte über die Leichtigkeit und das weiche Gefühl der neuen, knisternden Umhüllung seines Unterleibs auf humorvoll zwinkernde Weise. Diese Art, der Situation die Brisanz zu nehmen, zeigte volle Wirkung. Das Paar kicherte und flachste ausgelassen miteinander; später im Bett kuschelten sie sich bei leiser Musik eng zusammen, was den Folienwindeln ein sanft raschelndes Geräusch entlockte.

Den verschmusten Moment, zu dem ihr gemeinsamer Genuss des kühlen Gerstensaftes wie von selbst wurde, genoss Kathrin über alles. Arm in Arm mit dem Menschen, dem sie ihr Herz und ihr grenzenloses Vertrauen geschenkt hatte, auf der trocken geföhnten Matratze und im frisch bezogenen Bett zu liegen, war das Großartigste, das sie sich in jenem Augenblick hätte vorstellen können. Die Intimität der vorbehaltlosen Übereinkunft zog sie ganz und gar in ihren Bann.

Was dem ausgeglichenen Musiker an diesem Abend noch gewöhnungsbedürftig und fremd erschien, wurde schnell in jedes ihrer Treffen einbezogen. Und anders als in ihrer ersten gewindelt verbrachten Nacht, weckte Max sie fortan nicht mehr begeistert auf, wenn er voller Wohlgefühl pinkelte, ohne dass er das behaglich warme Bett verlassen musste.

VG Wort