Keine Zeit – Pinkelnot im Stress (Kurzgeschichte)

Keine Zeit
Pinkelnot im Stress

Von Rebecca Valentin

Kurzgeschichte, erschienen am 22.01.2026

VG Wort

Junge Frau zieht sich früh morgens nach dem Aufstehen hektisch an.

 

Einen Morgen wie diesen hatte ich vorher noch nie erlebt – mit so viel Stress, Hektik und einer Blase, die dermaßen voll gewesen war, dass ich bis dahin nicht gewusst hatte, dass so etwas überhaupt möglich sein könnte …

 

Alles hatte mit einer Sprachnachricht begonnen, vielmehr mit diesem bestimmten Signalton, den ich extra für meine Chefin eingestellt hatte, weil ich irgendwann mal dachte, das sei professionell. Insbesondere, da ich bei einem Start-up-Unternehmen angestellt war, das sich selbst gern als jung, dynamisch und flexibel beschrieb.

Der Ton hatte mich unsanft aus dem Schlaf gerissen. Das Handy vibrierte noch, als ich es vom Nachttisch fischte: 6:48 Uhr. Viel zu früh – meine Augen waren noch müde, mein Kopf irgendwo zwischen Traum und Wachwerden. Dennoch wusste mein Gehirn sofort: Das hier war nicht irgendwas, diese Nachricht war wichtig.

‘Wir ziehen das Meeting auf halb acht vor, Merrit. Bitte sei pünktlich’, hörte ich Lolas Stimme aus dem Telefon. Sie klang so klar, wach und strukturiert, als hätte sie schon zwei Kaffee getrunken und ein ganzes To-do-Board abgearbeitet. Kein ‘Guten Morgen’, kein ‘Sag mir kurz, ob das für dich passt’, nur diese beiden Sätze. Mit anderen Worten: Beeil dich, mach schnell, egal wie.

 

Ich knipste das Nachttischlämpchen an und sprang aus dem Bett. Der Boden war kalt, und in diesem Moment wurde mir klar, dass mir keine Zeit mehr blieb. In meinem Kopf begann es, wie wild zu rattern: Ich hatte noch exakt vierzig Minuten, von denen allein dreißig für die Fahrt mit der U-Bahn draufgehen würden. Davor der Weg zu Fuß zur Bahnstation, der ebenfalls seine Zeit beanspruchte. Also: Anziehen und los, die Haare konnte ich mir unterwegs noch zusammenstecken. Den Rest würde ich in der Firma erledigen, beschloss ich, auch wenn ich fühlte, dass meine Blase nach der Nacht drängte.

Während ich mit diesem Gefühl in die Jeans stieg, fiel mir auf, dass ich automatisch die Luft anhielt. So, als würde mein Körper sagen: Wir sparen jetzt alles, was nicht unbedingt nötig ist. Dazu gehörte auch das Benutzen des Klos, was ich später noch bitter bereuen sollte …

 

Ich merkte erst draußen, dass mein Herz schneller schlug, als es müsste. Die Haustür fiel hinter mir ins Schloss, ein bisschen lauter als sonst, und ich zuckte zusammen. Der Schreck und das reflexhafte Auffahren bewirkten, dass mir beinahe etwas in den Slip gelaufen wäre. Zum Glück bekam ich es rechtzeitig wieder unter Kontrolle, nahm diesen kurzen Schockmoment jedoch als dringliche Ermahnung dafür, im Büro zuallererst auf Toilette zu gehen.

 

Der Weg zur U-Bahn zog sich. Eigentlich nicht länger als sonst, aber in meinem Kopf dehnte er sich aus – jede Kreuzung empfand ich als Widerstand; Ampeln stellten eine persönliche Zumutung dar. Ich ging flotter, dann noch schneller, meine Schritte waren ungleichmäßig, weil ich gleichzeitig dachte, rechnete und mich innerlich antrieb. Los jetzt, nicht nachlassen. Gleich bist du da. Und damit auch bald auf dem Firmen-WC, dessen Benutzung ich mit jedem vorankommenden Meter eindringlicher herbeisehnte. So spürte ich den Stress nicht an einer Stelle, sondern überall, vor allem aber in meinem Unterbauch, wo die Pinkelnot pochte.

 

Als ich die Treppe zur U-Bahnstation hinunterlief, stand dort bereits eine Bahn, die ich zu meiner Erleichterung gerade noch bekam.

Die Türen schlossen sich hinter mir, und erst da fiel mir auf, dass ich wieder die Luft angehalten hatte. Vielleicht um den Druck meiner Blase auszublenden und wohl auch die Anspannung, es rechtzeitig zu Lola an den Besprechungstisch zu schaffen.

Im Abteil war es warm. Ich setzte mich auf einen freien Platz, meinen Rucksack zwischen den Füßen, und begann sofort, mich meinen Haaren zu widmen. Sie hingen mir, wie an jedem Morgen, noch wirr vom Schlaf ins Gesicht. Ich griff in meine Tasche, tastete blind nach dem Haargummi, das ich dort immer hatte und zog meine Finger durch die Strähnen, ohne sie wirklich zu ordnen. Am Schluss sammelte ich alles irgendwie zusammen und band es zu einem Zopf. Er saß schief, zu locker, aber er hielt. Für jetzt musste das reichen, ich hatte wahrlich andere Probleme – das größte neben der knappen Zeit ließ mich wie aus einem Impuls heraus die Beine übereinanderschlagen und die rechte Hand unauffällig dazwischen schieben. Unwillkürlich drücke ich mir die Finger fest in den Schritt. Nebenher betrachtete ich mein Spiegelbild im Fenster. Meine Augen waren wach und ich sah gehetzt aus, wie ich fand. Die Lippen dazu leicht geöffnet, als würde ich gleich etwas sagen wollen, ohne zu wissen, was.

 

Der Zug glitt weiter über die Bahnschienen, passierte Station um Station. Und mit jedem U-Bahnhof, an dem er hielt, musste ich nötiger pinkeln. Das Drängen meiner Blase schien mit jeder Sekunde heftiger zu werden, obwohl ich vor meinem Aufbruch gar nichts mehr getrunken hatte. Ich bereute unendlich, mir vorher nicht mehr die Zeit für einen kurzen Abstecher ins Bad genommen zu haben – fast so sehr, wie ich wollte, dass der Zug schneller fuhr. Nicht nur ein bisschen, sondern deutlich. Ich wünschte sogar, er könnte manchen Halt einfach überspringen, Abkürzungen nehmen, sich der enormen Eile anpassen, die mich quälte. Konnte er natürlich nicht. Er stoppte immer wieder. Türen gingen auf und zu, Menschen strömten rein und raus. Alles lief nach Plan. Nur war es nicht meiner.

Ich blickte auf die Anzeige über der Tür, dann auf mein Handy, dann wieder auf die Anzeige, als könnte sie sich beim zweiten Hinschauen erbarmen. Halb acht rückte näher, und mit jeder verstrichenen Minute wurde der Gedanke ans Zuspätkommen realer. Ich hasste es, als Letzte einen Raum zu betreten, in dem alle schon saßen, aber noch lieber wollte ich Ärger mit meiner Chefin vermeiden. Wenn ich es doch nur schaffen könnte – ich würde vom Bahnhof zur Firma rennen müssen, mich tierisch beeilen, sobald ich ausgestiegen sein würde.

Mein Überschlagsbein wippte, ohne dass ich es bemerkte. Der gewaltige Blasendruck, der mir mittlerweile ganz vorn stand und langsam in der Harnröhre zu brennen begann, erschwerte mir die Lage erheblich. Ich presste meine Lippen so fest aufeinander, wie ich es mit den Fingerspitzen auf der Mittelnaht meiner Jeans tat. Ein bisschen half es, doch immer nur für einen winzigen Moment, bis die nächste Druckwelle aufbrandete. Atmen, ich muss einfach nur ruhig atmen, sagte ich mir, nahm aber gleichzeitig war, dass es so gut wie nichts nützte. Ich fühlte, wie ich zu schwitzen begann.

 

Mit dem Aussteigen war ich sofort in Bewegung: Im Laufschritt die Treppe hoch, wobei ich meine prall gefüllte Blase bei jedem Schritt unangenehm fühlte, zwei Stufen auf einmal nehmend, den Rucksack fest an mich gezogen. Oben schlug mir kühle Morgenluft entgegen, doch die Temperaturveränderung registrierte ich kaum.

Ich hastete eilig voran, dann begann ich zu rennen – zielstrebig, mit diesem leicht nach vorn geneigten Oberkörper, der verriet, dass ich keine Sekunde zu verlieren hatte. Halte durch, gleich ist es so geschafft, das bekommst du hin, versuchte ich mich im konstanten Laufschritt zu ermutigen.

 

Irgendwann tauchte das Firmengebäude vor mir auf, mehr Glas als Beton, stylish und einen Hauch zu schick für ein Gewerbegebiet.

Ich drückte die Tür auf und nickte der Person am Empfang zu, ohne wirklich zu erkennen, wer dort saß. Meine Schritte hallten laut auf dem Boden, doch das war mir egal. Ich musste mittlerweile so dringend, dass ich zu keinem anderen Gedanken, als dem innigen Wunsch, endlich pinkeln zu dürfen, fähig war und nur noch Bilder von Toilettenschüsseln vor meinem inneren Auge erschienen. Natürlich, ich war spät dran und das Letzte, was ich wollte, war, mir Stress mit Lola einzuhandeln, dennoch führte in diesem Augenblick kein Weg am Klo vorbei.

 

Mit eng zusammengepressten Beinen wollte ich gerade in Richtung der WCs abbiegen, als ich meiner Chefin direkt in die Arme lief.

Sie stand schon an der Tür zum Gang, an dessen Ende der Konferenzraum lag. Die Hand am Griff, als hätte sie bereits nach mir Ausschau gehalten. Ihr Blick traf mich sofort, fixierte mich, und noch bevor ich etwas sagen konnte, hörte ich meinen Namen:

»Merrit.« Er erklang weder vorwurfsvoll noch freundlich. Einfach fest und auf eine Art emotionslos ausgesprochen, die Lola besonders zu eigen war. »Komm jetzt. Wir warten nur auf dich«, fügte sie mit dem nächsten Atemzug hinzu.

»Einen Moment bitte noch. Ich stoße gleich zu euch«, keuchte ich in einer Not, die mir einigermaßen passabel gelang, vor ihr zu verbergen. Ich wollte mich ihr gegenüber nicht schwach zeigen.

»Nein, du bist spät genug«, duldeten Lolas Worte keinen Einwand.

Durch die Glastür konnte ich an ihr vorbei den Gang hinuntersehen, an dessen Ende ich die offenstehende Tür des großen Besprechungsraums ausmachte. Hinter dieser waren längst alle versammelt und jeder Einzelne wartete nur auf mich, wie ich soeben erfahren hatte. Doch was änderte das an meiner verzweifelten Lage? Nichts, wie mir klar war, dennoch blieb mir in meiner untergeordneten Position wenig anderes übrig, als mich zu fügen und zu hoffen, dass ich es entgegen jeglicher Erwartung noch eine Weile würde einhalten können.

»Wir wollen jetzt anfangen«, sagte sie leise aber bestimmt und machte eine Bewegung mit dem Kopf in Richtung Tür. Keine Zeit für Erklärungen. Keine Luft für Entschuldigungen.

Ich nickte niedergeschlagen, brachte ein hastiges ‘Sorry’ hervor, das mir selbst dünn vorkam, und folgte ihr wohl oder übel den Flur entlang bis in das Meeting. Zumindest versuchte ich es, denn kaum, dass ich die Schwelle zu dem Raum übertreten hatte, gab mein Blasenschließmuskel urplötzlich sämtliche Bemühungen auf und ließ den warmen Inhalt hinausströmen. Einfach so … Erst langsam, weil ich mich nach wie vor bemühte, das denkbar Schlimmste abzuwehren, dann aber jagte der Strahl mit einem solchen Druck in meinen Slip hinein, dass ich es leise zischen hören konnte. Bitte nicht. Bitte, bitte nicht!

In dem Zimmer mit den hohen Glaswänden schauten nun alle zu mir. Gespräche verstummten, Stille ringsherum, jemand lächelte mir verlegen zu. Ohne dass ich es verhindern konnte, stiegen mir Tränen in die Augen. Die gesamte Situation war mir unendlich peinlich – ich schämte mich in Grund und Boden, dass ich so vor meinen Kolleginnen und Kollegen dastand und mir in die Hose pinkelte, als besäße ich keinerlei Kontrolle über meine Blase. Schlagartig schoss mir die Hitze vom Nacken bis in die Wangen und färbte sie feuerrot.

Währenddessen lief es ungehemmt weiter, durchnässte mir schnell die Jeans und suchte sich seinen Weg in nass-glänzenden Rinnsalen an den Hosenbeinen entlang abwärts. Ich spürte die Blamage schmerzhaft in der Brust pochen, fühlte jeden einzelnen Herzschlag zusammen mit dem herben Druck der Bloßstellung, als wäre er doppelt und dreifach vorhanden. Hätte ich doch nur auf meinen Körper gehört, von dem ich schon so resolut zur Eile angetrieben worden war, anstelle mich noch bei Lola an der Tür aufzuhalten. Vielleicht hätte diese Sekunde ausgereicht, um die eingepinkelte Hose vor dem versammelten Team zu verhindern …

 

Ich stand da, unfähig zu sprechen oder mich auch nur zu bewegen. Mein Kopf war leer, mein Höschen tropfnass, ebenso die Jeans – bis hoch zum Hintern und komplett an den Innenseiten der Oberschenkel.

»Oje«, brachte ich schließlich hervor. Es klang genauso betreten, wie ich mich fühlte. Noch immer sagte niemand etwas. Ich wünschte mir mit einer Inbrunst, die mich selbst verwunderte, unsichtbar zu sein.

Dann bewegte sich jemand schräg gegenüber am Tisch. Es war Lennart. Ich kannte nur seinen Namen; wir hatten ein paar Mal zusammengearbeitet, mehr nicht.

 

Er stand auf und kam zu mir, ohne dieses peinlich-berührte Zögern, das die Schmach des Pipi-Unfalls nur schlimmer gemacht hätte. Noch im Gehen streifte er sich seinen Pullover über den Kopf.

»Hey«, sagte er leise, fast beiläufig, als wäre das hier eine völlig normale Situation. Dabei stellte er sich so vor mich, dass er mich wirkungsvoll mit dem Rücken zum Raum abschirmte, und hielt mir sein Sweatshirt hin. »Leg das um. Es ist alles halb so wild, wirklich.«

Dankbar und gleichzeitig erleichtert blickte ich zu ihm auf.

»Lieb von dir«, brachte ich gepresst hervor, mehr bekam ich nicht raus. Er lächelte freundlich, keine Spur von Mitleid oder einem belustigten Schmunzeln.

»Passiert den Besten«, meinte er abschließend und senkte die Stimme noch ein Stück. »Du siehst übrigens auch in der nassen Jeans hübsch aus.« Nun war er es, dessen Wangen sich rot färbten. Nicht in dem flammenden Ausmaß, wie es bei mir der Fall war, aber dennoch sichtlich.

Schnell band ich mir den Pulli um und spürte, wie meine Schultern ein kleines bisschen absanken. Der Raum atmete wieder. Gespräche setzten ein, als hätte jemand auf Play gedrückt. Lola räusperte sich und sagte etwas von einer kurzen Pause.

Ich schaute weiterhin in das Gesicht meines Retters aus der Blamage. Mein Herz klopfte nach wie vor stark, aber da war noch etwas anderes: Eine Wärme weiter unten, die nicht von der goldgelben Flut in meinem Slip und der unermesslichen Scham herrührte, sondern von ihm kam – von Lennart. Er war der Einzige, der nicht sensationslüstern zu mir herübergesehen hatte, und dessen Blicke in keiner Weise verurteilend oder abwertend gewesen waren. Ich lächelte ihn an, unsicher, aber ehrlich.

»Das ist vermutlich das schönste Kompliment, das ich heute bekommen werde«, sagte ich leise und hoffte, dass meine Stimme ruhiger klang, als ich mich fühlte. Lennart zog die Mundwinkel schief, dieses halbe Lächeln, das eher nach Verlegenheit als nach Selbstbewusstsein aussah.

»Dann hat sich der Tag ja schon gelohnt«, entgegnete er und trat einen kleinen Schritt zurück, ohne sich ganz zu entfernen. Ich nickte und schaute einen Moment länger in seine Augen als nötig. Es war seltsam tröstlich, in all dem Chaos jemanden zu sehen, der einfach da blieb. Keine großen Worte, kein übertriebenes Heldentum, nur beruhigende Präsenz.

»Danke«, sagte ich noch einmal, diesmal fester. Und ich meinte mehr als nur den Pullover oder das wohltuende Kompliment.

 

Im nächsten Augenblick ertönte Lolas Stimme:

»Merrit, bring das in Ordnung und komm, so schnell du kannst, wieder zu uns. Wir fangen jetzt an.«

Lennart lächelte noch immer halb, als er sich zurück auf seinen Platz setzte. Und während ich das Besprechungszimmer verließ und den Pulli dabei fest um meine Hüften zog, wusste ich: Der Tag mochte katastrophal begonnen haben, doch dieser Moment der Wärme im Bauch gehörte mir. Und irgendwie auch ihm …