Vor dem Traualtar – Nasses Höschen bei der Hochzeit (Kurzgeschichte)

Vor dem Traualtar
Nasses Höschen bei der Hochzeit

Zehnte Geschichte aus dem Buch „Noch süßere Not“

Von Magenta König

Kurzgeschichte, erschienen am 23.06.2022

Hetzendes Brautpaar von hinten

Oh mein Gott! Nervös nestelte Cora am edlen Stoff des perlenbesetzten Brautkleides, während sie aus dem hinteren Seitenfenster des gemieteten Luxusschlittens auf eine weitere rote Ampel starrte. Es war die Dritte, an der sie halten mussten – wie immer, wenn es besonders schnell gehen sollte, hatte sich der Straßenverkehr gegen sie verschworen.

»Wir schaffen das, Mäuschen«, hörte sie die brummige Stimme ihres Vaters, der, wie es sich gehörte, am Steuer des Hochzeitswagens saß und seine Tochter zu beruhigen versuchte. Natürlich würden sie es schaffen; die Zeremonie konnte schließlich nicht ohne sie beginnen. Dennoch hätte Cora vor Wut schreien können. Ausgerechnet heute lief alles schief: begonnen mit dem abgebrochenen Fingernagel bis hin zu ihrer besten Freundin und Brautjungfer, die, schwanger wie sie nun einmal war, unter einer immensen Morgen- oder besser Ganztagesübelkeit litt. Statt ihr in Corsage und Reifrock zu helfen, hatte Lissa sich den größten Teil des Vormittages im Badezimmer verbarrikadiert. Zu guter Letzt hatte sich während der Fahrt das Blumenbukett von der Motorhaube gelöst und wäre ihnen fast davongeflogen, wenn ihr alter Herr nicht geistesgegenwärtig auf die Bremse getreten und es mitten auf der Bundesstraße wieder aufgelesen und festgezurrt hätte.

 

Cora zitterte. Auch ihr war leicht übel, allerdings vor Aufregung. Der Gedanke, gleich vor den Traualtar zu treten und vor etwa hundert Gästen ihrem Verlobten das Ja-Wort zu geben, war überwältigend. Dabei freute sie sich seit Monaten auf diesen Tag. Doch nun ging einfach alles daneben. Ihr Alexander stand vermutlich schon wartend vor dem Pfarrer, während sie noch im dichtesten Mittagsstau steckten. Und zu allem Überfluss spürte Cora inzwischen sehr deutlich ihre Blase …

Sie versuchte, das lästige Gefühl zu verdrängen. Es war nicht gerade vorausschauend gewesen, das voluminöse Kleid anzuziehen, ohne vorher das WC aufgesucht zu haben. Andererseits hatte sie nicht ins Badezimmer gekonnt und die Zeit war ohnehin mehr als knapp. Cora tröstete sich selbst damit, dass es ihr bisher immer gelungen war, solche Nebensächlichkeiten beiseitezuschieben. Sie konzentrierte sich auf ihre Atmung, bemühte sich, ihre Fassung zu bewahren, und sich auf den kommenden Gottesdienst zu freuen.

 

Mit geschlossenen Augen und fest ineinander verschränkten Fingern blendete sie das Geschehen außerhalb des Wagens aus. Dies funktionierte nur so lange, bis ihr Vater das Auto ruckartig zum Stehen brachte. Eine neuerliche rote Ampel. Cora schreckte hoch. Unvermittelt brandete der Druck in ihrem Unterleib wieder auf; sie hatte Mühe, den Schließmuskel unter Kontrolle zu behalten. Doch es nützte nichts, das letzte, was sie auf ihrer Hochzeit brauchen konnte, war ein nasses Höschen. Dieses Mal jedoch konnte sie die Kirche, in der die Trauung stattfinden würde, immerhin schon sehen.

 

Endlich hielten sie vor dem Portal. Bereits von weitem sah Cora ihre Mutter, die gemeinsam mit ihrer Schwester und anderen Verwandten vorausgefahren war. Sie winkte ungeduldig, zog dann die Tür auf.

»Wo bleibt ihr denn? Wir warten schon!« Während sie ausstieg, flutete der Drang, auf die Toilette zu müssen, mit aller Macht durch Coras Körper. Zögernd blieb sie stehen, überlegte, ob sie nach einem Klo fragen sollte. Allerdings war ihr sofort klar, dass ein Besuch dieser Räumlichkeiten deutlich mehr Zeit als üblich sowie helfende Hände in Anspruch nehmen würde. Der Gedanke, die Gesellschaft und insbesondere ihren Alexander nun noch eine Viertelstunde ausharren zu lassen, verbot sich von selbst. Das enge Oberteil des Kleides schnürte sie ein, verstärkte ihre Not. Mit zusammengebissenen Zähnen und darum bemüht, sich hiervon nichts anmerken zu lassen, eilte sie auf das Kirchentor zu.

 

Es dauerte weitere fünf Minuten, bis sie, gesetzten Schrittes und am Arm ihres Vaters, zu den Klängen von Mendelssohn Bartholdy durch den Mittelgang der Kirche schwebte. Die Zeit hatte gerade gereicht, noch einmal durchzuatmen und sich Brautkleid und Schleppe ein letztes Mal richten zu lassen. Die Mutter hatte ihr aufmunternd die Wange getätschelt; bei aller Freude erschien sie ihr ein wenig blass um die Nase. Dabei war sie selbst diejenige, auf die sich in diesem Moment sämtliche Blicke richteten. Zitternd bemühte sie sich, nur ja das Gleichgewicht zu halten. Die hohen Absätze waren für Cora ebenso ungewohnt wie die lange, bauschige Robe – wunderschön anzusehen zwar, doch äußerst unbequem. Dafür entschädigte sie jedoch Alexanders strahlendes Lächeln, der sie verliebt ansah und offenkundig kaum noch erwarten konnte, sie endlich zu heiraten.

 

Kurze Zeit später saß sie, wenn auch sehr prominent, vor dem Altar, und war darüber unendlich froh. Das Sitzen half, dennoch hatte Cora das Gefühl, bald platzen zu müssen, so voll war ihre Blase. In ihrem Unterleib spannte es, der feste Stoff drückte von außen dagegen. Obwohl sie sich im Vorfeld einen vollständigen Gottesdienst gewünscht hatte, mit allem Drum und Dran, war sie in diesem Moment ihrem Liebsten dankbar, der es sich weniger ausführlich vorgestellt hatte. Er hatte sich letztlich durchgesetzt, und in jener Sekunde konnte auch sie es bereits nicht mehr abwarten, ›Ja‹ zu ihm sagen zu dürfen.

Ihre Hand ruhte in der ihres Lebensgefährten, wurde sanft gestreichelt. Alexander fühlte die Beklemmung, deutete diese allerdings garantiert falsch. Während seine Aufmerksamkeit auf den Priester gerichtet war, stellte Cora zu ihrem Unglück fest, dass sie in ständig größere Bedrängnis geriet. Sie, die gewöhnlich ganz gut einhalten konnte, wurde heute von ihrem Körper total im Stich gelassen. Immer heftiger wurde der Drang, immer unangenehmer das pralle Gefühl in ihrem Unterleib.

 

Die Minuten dehnten sich endlos. Sie kniff die Schenkel zusammen, spürte den feinen Stoff der weißen Strumpfhose knistern, als sie die Beine aneinander rieb.

Unwillkürlich griff sie fester zu, quetschte die Finger ihres Partners. Dieser warf ihr einen verwunderten Blick zu, befreite sich, lächelte. Was für ein Alptraum … Die junge Frau glaubte, verrückt zu werden. Was war denn nur los? War es die Nervosität, die sie zusätzlich quälte? Oder hatte sie tatsächlich so viel getrunken, dass sie nun allen Grund hatte, langsam in Panik zu verfallen?

Sie atmete tief ein. Unbewusst hatte sie begonnen, auf ihrer Unterlippe herumzukauen, doch das musste sie so schnell wie möglich wieder abstellen: Schließlich sollten die perfekt geschminkten Lippen in ebendiesem Zustand bleiben. Sie konzentrierte sich redlich, bemühte sich, den Worten des Pfarrers zu folgen. Es nützte nichts. Zu dem penetranten und unangenehmen Gefühl gesellte sich ein leichter Schmerz. Es war wie ein Stechen, ein fieses Prickeln in ihrer gepeinigten Blase, die sie noch niemals so sehr überdehnt hatte. Zumindest konnte Cora sich nicht daran erinnern.

 

Ohne es zu wollen, begann sie in Gedanken, die Zeit zu überschlagen, die sie noch würde aushalten müssen. Gleich müsste sich die Gemeinde zum ersten Lied erheben. Gerade, als sie dies dachte, war es dann auch so weit. Mühselig stand sie auf. Es fiel ihr schwer. Ein neuerlicher, heftiger Krampf sorgte dafür, dass sie sich krümmte. Verzweifelt riss sie sich zusammen.

Das Lächeln in ihrem Gesicht fühlte sich wie festgeleimt an. Der Text des Chorals war ihr entfallen. Glücklicherweise konnten die Menschen in ihrem Rücken ihre Mimik nicht sehen. Cora stand steif an der Seite ihres künftigen Mannes, ertrug die Musik, verlagerte ihr Gewicht von einem Bein auf das andere. Sie betete insgeheim, dass ihre geistige Abwesenheit niemandem auffiel. Ihre Handflächen begannen zu schwitzen, der kleine Blumenstrauß mit den weißen Rosen klebte in ihrer Faust.

 

Nachdem sie sich endlich wieder setzen durften, war sie überzeugt davon, dass dies fürchterlich ausgehen würde – sie hatte nicht den geringsten Schimmer, wie sie die Predigt überstehen, geschweige denn in der Lage sein sollte, ihrem Gatten das Ja-Wort zu geben. Verzweifelt versuchte sie, einfach weiter durchzuhalten. Sie verfluchte sich dafür, sich in diese Situation gebracht zu haben. Hätte sie sich doch vorhin nur für den Gang zur Toilette bei ihrer schwangeren Freundin durchgesetzt …

Gern hätte die junge Braut ihre Beine übereinandergeschlagen, verbot es sich jedoch selbst. Es wäre äußerst unpassend gewesen, zu leger und überhaupt nicht angemessen für einen Ort und Anlass wie diesen. Doch es hätte ihre Lage um einiges aushaltbarer gemacht … Die Bewegungslosigkeit, zu der sie verdammt war, machte es noch unerträglicher als ohnehin schon.

 

Ihr Kiefer schmerzte vor Anstrengung; ohne es zu wollen, biss die Braut seit einer ganzen Weile die Zähne zusammen. Sie hatte es nicht einmal bemerkt. Ebenso gepeinigt fühlte sich ihr Schließmuskel an, der mit aller Macht dazu gezwungen wurde, dem quälenden Druck standzuhalten. Die Blicke der jungen Frau irrten durch die Kirche, suchten nach irgendetwas, das sie ablenken konnte. Sie fand nichts Geeignetes.

Als eine neue Woge des Müssens durch ihren Unterleib flutete, glaubte sie, zu platzen. So konnte es nicht weitergehen, ohne dass ein fürchterliches Unglück geschehen würde. Cora wusste, dass der Auszug aus der Kapelle, der der eigentlichen Vermählung und dem Trausegen folgte, noch in weiter Ferne lag. Ganz davon abgesehen, dass sie, auch wenn ihr konkrete Details fehlten, überzeugt war, dass dort mindestens eine Überraschung wie ein Spiel oder Ähnliches auf Alexander und sie wartete. Mit ein paar Gratulationen vor der Kirche dürfte es nicht getan sein …

 

Sie seufzte leise auf. Unwillkürlich war ihre Hand zum Unterleib gewandert, presste sich unvermittelt auf ihren Schritt. Erschrocken zog Cora sie weg. Ein weiteres Mal traf sie Alexanders Blick, der langsam begriff, dass etwas ganz und gar nicht stimmte. Tränen stiegen in ihre Augen. Sie hatte das Gefühl, den schönsten Tag des gemeinsamen Lebens zu ruinieren – dabei war seit Wochen nichts anderes Thema gewesen.

Erneut wurde es heftiger. Erschrocken nahm sie wahr, dass sich der Urin aus der überfüllten Blase am Widerstand leistenden Schließmuskel vorbei quetschte. Verzweifelt fühlte sie, wie einige vorwitzige Tropfen sich den Weg in die Harnröhre bahnten. Nicht mehr lange und der Damm würde brechen. Dann wäre alles zu spät. Sie musste also hier weg, rechtzeitig, schlussfolgerte Cora, bevor die Blamage endgültig würde.

Sie schämte sich entsetzlich. Schon der Gedanke, von dutzenden Blicken begleitet in die Kirche hineinzuschreiten, hatte für eine gehörige Portion Aufregung gesorgt, doch noch vor der Trauung überstürzt wegzulaufen, war erheblich schlimmer, dies würde die Schande komplett machen.

 

Niemals hätte sie sich vorstellen können, tatsächlich einen Grund zu haben, Alexander vor dem Altar stehenzulassen. Jetzt jedoch hatte sie keine andere Wahl. Bei der nächsten feuchten Welle waren es mehr als nur einige Tropfen. Heiße Spritzer landeten im schneeweißen Spitzenslip. Als Cora sich bewegte, fühlte sie die Nässe bereits deutlich im Schritt und an der Strumpfhose. Sie atmete tief durch. Sie musste ihren Verlobten warnen, dann aufstehen und versuchen, noch ohne größeren Unfall auf den hohen Absätzen die Toilette zu erreichen. Krampfhaft zwinkerte sie die Tränen weg, die sich in ihren Wimpern verfingen. Sie streckte den Rücken, rutschte nach vorn.

 

Während sie nach Alexanders Hand griff, erhob er sich im selben Augenblick und zog sie jählings mit sich. Perplex schaute sie ihn an. Der Pfarrer, der ohnehin gerade auf sie zuging, blieb stehen.

»Es tut mir leid«, hörte sie ihren Lebensgefährten leise erklären, »wir sind gleich zurück. Meiner Braut geht es nicht gut.« Mit diesen Worten hakte er sie ein und raffte ihre Schleppe empor. Cora war so überrascht, dass sie eine Sekunde unaufmerksam wurde – wieder ging etwas ins Höschen. Das rüttelte sie wach. Die letzten Kraftreserven mobilisierend, ließ sie sich von Alexander durch den Mittelgang ziehen. Der Weg hinaus gestaltete sich zum Glück deutlich zügiger.

 

Als sich die Tür endlich hinter ihnen schloss, war Cora schon damit beschäftigt, sich panisch nach einem Klo umzusehen. Nässe lief langsam an ihrem Oberschenkel hinunter. Ihr Unterleib stand kurz vor dem Zerreißen.

»Hier entlang«, befahl ihr Partner. Gleichzeitig öffnete sich die Kirchentür erneut und die Mutter der Braut erschien, zwar verwirrt, doch die Notsituation schnell erfassend. Als ein neuerlicher Krampf ihre Blase zusammenzog, stöhnte Cora laut auf. Bislang hatte sie nicht gewusst, dass das überlange Einhalten derart schmerzhaft werden konnte. Das Stechen war widerlich, die Qual unerträglich. Länger würde sie die Kontrolle beim besten Willen nicht mehr aufrecht erhalten können. Sie war außer Stande sich zu wehren; warme Rinnsale suchten sich ihren Weg die schlanken, bestrumpften Beine hinab.

 

Gemeinsam schafften sie es, zu dem WC im nebenliegenden Gemeindehaus zu kommen, doch in der immensen Hektik war es ihr nicht möglich, sich aus der aufwendig ausstaffierten Garderobe nebst Reifrock und Schleppe zu befreien. Die Dämme brachen. Immerhin gelang es ihr, das teure Brautkleid hochzuraffen – lediglich Strumpfhose und Slip wurden von der gelben Flut, die nun erbarmungslos aus ihr hervorschoss, durchtränkt.

»Schuhe aus«, kommandierte ihre Mutter entschlossen, bevor der heiße Urin die Füße erreichen könnte, um danach auf den Boden zu plätschern. Cora verharrte in einer sich ausbreitenden Pfütze, starrte sprachlos auf den riesigen See, den sie auf den Fliesen produzierte. Nur langsam ließ der Druck nach. Obwohl es den Anschein hatte, dass es bereits minutenlang lief, wollte ihr Strahl dennoch nicht stoppen. Hin- und hergerissen zwischen purer Peinlichkeit und einer schier grenzenlosen Erleichterung schloss sie die Augen. Die Hitze des Urins fühlte sich ungewohnt auf den bestrumpften Beinen an. Es kitzelte fast, während es am feinen Nylon entlang perlte.

 

Sie stand in einer sich abkühlenden Lache. Als es endlich weniger wurde, der Strom abebbte und die junge Frau wieder zu sich kam, schaute sie verzagt an sich herunter.

»Was jetzt?«, fragte sie hilflos.

»Jetzt machen wir dich sauber und du gehst heiraten«, antwortete ihre Mutter resolut. Gehorsam händigte Cora die tropfnasse Wäsche aus und ließ sich notdürftig abtrocknen. Sie schlüpfte barfuß zurück in die Schuhe und atmete tief ein. Zwar anders als geplant, würde dieser Tag dennoch noch ein wunderbares Ende nehmen. Alexander hingegen grinste, als er ihre Hand liebevoll in seine nahm.

»Von einer Braut ohne Höschen habe ich schon immer geträumt«, zwinkerte er.

VG Wort